Alexander A. Gronau 
 
Die Weiße Göttin Huldr
 

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Ein Auszug aus dem umfangreichen

Sagen- und Geschichtenzyklus des Sachbuches:



Die Brunnen der Weißen Göttin



Der heilige Taufbrunnen der Weißen Göttin

Auch unterhalb des Pferchhofes bei Neuhof stand einst ein Brunnen, dessen Wasser besondere Kräfte innewohnten. Eines Sonntagmorgens soll sich ein Bauer zu diesem Brunnen begeben haben, um sich daraus etwas für die Nottaufe seines neugeborenen Kindes zu schöpfen, das zu schwach aus dem Leib seiner Mutter niedergekommen war und dessen Versterben daher alle im Dorf kummervoll befürchteten. Aber wie erschrak er, als er von einiger Entfernung bereits auf dem Brunnenrand eine überaus schöne Frau in weißen Kleidern sitzen sah. Hinter ihr schwamm auf der Wasseroberfläche des uralten Brunnens ein kleines Kind, das reglos blieb aber dennoch nicht unterging. Schon wollte er verwirrt davonlaufen, da die Leute seines Dorfes seit mehreren Generationen von den Pfarrern der umliegenden Kirchen unter zürnenden Androhungen grausamer Strafen dem Wissen ihrer Vorfahren entfremdet worden waren, als die Frau mit dem lichten Äußeren ihn freundlich ansprach.

Und ihre Stimme klang so machtvoll zart zu ihm, daß er sein Inners von ihr heilsam durchglimmt fand: „Nimm dieses Kind. Es ist auf die alte Weise Deiner Ahnen von den Wissenden der Welt getauft. Fülle den Krug, den Du in Deinen Händen führst, mit dem Wasser meines Brunnens auf und taufe Dein eigenes Kind damit, welches an der warmen Brust Deiner Frau so reglos liegt, daß nur seine Mutter auf ihrer weichen Haut - und ich selbst! - noch seinen Atemhauch spüre. Wenn Du dies tust, so wird es vom Wasser und der darin wohnenden Kraft der Belebung genesen!“ Wie in einem heiligen Schock erkannte er die weiß gekleidete Frau, deren lichtes Wesen ihre Gestalt wie ein feiner Nebel umwallte, in dem Licht gleißt, als die Göttin aller Großeltern der Dorfleute; ihnen war von den Pfarrern unter Androhung der Todesstrafe allein schon die Nennung des Namens der Göttin der Erde verboten worden. Kaum wagte er sich an der Huldvollen vorbei, die ihm keine Geste der Unterwürfigkeit abverlangte, anders als die Pfarrer in den Kirchen für ihre Heiligenbilder.

Mit lau gewordenen Armen holte der Bauer das ihm fremde Kind aus dem Brunnenwasser und hielt es in seiner Armbeuge so zärtlich, wie er zuvor noch nichts anderes berührt hatte. Daraufhin füllte er mit all seiner Aufmerksamkeit den Taufkrug. Als er sich sodann wieder der wundersamen Erscheinung der Weißen Göttin zuwenden wollte, war die Stelle am steinigen Brunnenrand, wo sie sich befunden hatte, verlassen. Er spürte ein schmerzvolles Bedauern in seiner Brust, da ein weiterer Blick auf sie ihn ungleich mehr gestärkt hätte. So eilte er mit dem fremden Kind und dem Krug zu seiner Hütte darin seine Frau mit einer Hebamme und seiner Familie auf ihn warteten.

Deren einzige Hoffnung bestand darin, daß er rechtzeitig vor dem drohenden Tod des Neugeborenen zu ihnen zurückkäme. Die Pein, daß dies zarte Leben - so schmerzvoll von seiner erschöpft im Bett niederliegenden Mutter geborenen - wieder aus ihrer Mitte fortgerissen würde, machte alle im Raum stumm und beinahe bewegungslos. Doch er trat mit einem Ausdruck in die Tür, die alle erstaunte ohne es benennen zu können. Er taufte mit behenden Handgriffen das Neugeborene mit dem Wasser des Brunnens der Weißen Göttin, und was niemand für möglich hielt geschah: das Kind wurde augenblicklich gestärkt und gesundete. Der Bauer und seine Familie, der er alles Huldvolle erregt erzählte, nahmen das fremde Kind bei sich auf. Damit war das Glück, das in sein Haus kam, vollkommen. Weder Krankheit noch Not suchten seine Frau, seine Kinder und ihn je heim.

Alle im Dorf hielten gegenüber den Pfarrern in den Steinhäusern, die sie Kirchen nannten und von fremden Heiligen bewohnt wähnten, Stillschweigen über dies Ereignis und dankten der huldvollen Göttin oft und im Geheimen an ihrem Brunnen. Auch baten dort viele Kranke erfolgreich um Hilfe. Und wenn dies einmal ein Kirchenmann mitbekam, so sagten sie ihm, sie ehrten die Liebe Frau, und die Pfarrer glaubten, sie meinten Maria, obgleich jene Bezeichnung seit ehedem der Weißen Göttin oblag.

Die mündliche Überlieferung wurde von Alexander A. Gronau wiedergegeben.




Erste Szene aus der Erzählung "Die Weiße Göttin" von Alexander A. Gronau

Von historischen Quellen inspiriert, was im Buch detailreich erläutert wird

Das Bild links zeigt eine Heilerin in Personifizierung der Weißen Göttin Huldr, die helfend über die Dörfer zieht.
Das Bild rechts thematisiert, was meistenteils ignoriert wird: Die Landbevölkerung begrub ihre Verstorbenen häufig getreu der alten, sogenannten heidnischen Religion in Baumstämmen, das Christentum war aufgezwungen und blieb lange Zeit die Religion der Herrscherschichten, also des Klerus und des Adels. In der eigentlichen, zu Leibeigenen gemachten Bevölkerung war es in weiten Teilen nur oberflächlich angenommen, was ein Grund für die Jahrhunderte später von der Kirche bestialisch betriebenen Inquisition war. Insofern leitet dieser Hinweis gut zum Inhalt meiner Leseprobe über, die von mir nach überlieferten Quellen verfaßt wurde. In der Gegend des Oberdorla-Sees in Thüringen, der mythologisch ins Reich der Erd- und Himmelsgöttin Huldr (Holle) führt, wurde von der Kirche im 11. Jahrhundert massiv nachmissioniert, da die Menschen immer wieder zu ihren eigenen Göttern zurückkehrten, besonders groß war die Verehrung jener germanischen Göttin, der mein Buch gewidmet ist.


Nach der ihnen auferlegten Pflicht standen die dürftig gekleideten Menschen des Dorfes in der kaum beheizten Kirche. Ihre abgemagerten Gesichter waren nach dem erhöhten Altar ausgerichtet, auf dem sich der Pfarrer im reich verzierten Gewand mit dem Rücken zu ihnen befand und in einer unverständigen Sprache predigte, die nach den harschen Worten des tonsurtragenden Mannes die Sprache des Einzigen Gottes war, die sie nicht begreifen konnten, da sie sich nach seiner Anschauung, die er ihnen oft entgegenbrüllte, als halbe Heidenkinder dessen Liebe noch zu verdienen hätten, was für sie ein weiter, beschwerlicher Weg sei.

Wehmütig waren während jeder Predigt die frierenden Blicke, denn schweigend war die Erinnerung an lieblichen Zeiten in ihnen lebendig, als die Huldvoll Weiße Göttin unter ihnen weilte, zu deren licht-tiefen Reich viele Tore führen; das ihren eigenen Wohnstätten am nähersten liegende war der zum Teich versumpfende Oberdorlasee. Macher ihrer Vorfahren soll ihn als Gerufener der Huldr beschritten haben. Alle, da sie fröstelnd in der Kirche dem Ende der Predigt aus den fremdartig sie umklingenden Worten harrten, wußten den Grund ihres Dorfes seit menschengedenken bewohnt. Frieden hatte unter den Geschlechtern unter ihnen einst bestanden, die Felder waren von der Göttin stets fruchtbar gehalten worden, keiner hungerte, und keiner war der Leibeigene eines Feudalherren gewesen. So lauteten die Sagen, die sie untereinander insgeheim in feuriger Sehnsucht weitergaben.

Ihr Atem wallte durch die Kälte der Kirche sichtbar, während sie ihre wahren Gedanken zwischen den klerikalen Mauern unentwegt unsichtbar halten mußten. Erst vergangenes Jahr waren die letzten Menschen, die es gewagt hatten an den altüberlieferten Festtagen am Teich der Huldvollen zu beteten und ihre Riten hingebungsvoll vollzogen, ergriffen und nach dem Willen des Papstes aus dem fernen Rom zum Tode verurteilt worden. Jeder im Dorf hatte unter den öffentlich Hingerichteten und kurzerhand in einer Massengrube Verschütteten Angehörige zu betrauern, denen sie keine Blumen zum Trost ihrer im gewaltsamen Tod entsetzten Seelen hatten darreichen dürfen.

Es war ihnen auf das eindringlichste wehmutsvoll bewußt, daß sie sich inmitten dieser Kirche auf dem vereinnahmten Platz des vor mehreren Menschenleben niedergebrannten Tempels ihrer geliebten Göttin Huldr höchstselbst befanden. Es schmerzte ohne Linderung; doch manch einer nutze diesen Umstand, um heimlich während der unverständlichen Litaneien des Pfarrers zur Huldvollen Göttin, die viele die Liebe Frau nannten, Bitten und Gebete in die kalte Luft zu hauchen; so leise, daß sie kaum Laut gaben, kaum verräterisch die Lippen bewegten. So auch an diesem Sonntag, dem letzten vor Beginn der Rauhnächte, die seit altersher ihrer Göttin zugehörig waren. Unter dem von steinernen Säulen gestützten Dach bemerkte der Pfarrer auch dieses Mal all die Gebete an die verbotene Weiße Göttin nicht. Denn er verblieb die gesamte Predigt über unverrückt mit dem Rücken zu denen, die er verachtete und die er zugleich für seinen Herren zu erretten trachtete, indem er in ihnen den Heiden abtöten wollte ohne den Menschen zu morden. Wie geräuschlos atmend standen sie hinter ihm in den Holzreihen, erstarrt vor Furcht. Was er nicht erfassen konnte, waren all die in den Menschen lebendig waltenden Erinnerungen an eine freie Zeit, die sie sehnsuchtsvoll bestimmte.




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"Die Weiße Göttin Huldr - Mythisches Sachbuch"

Sachbuch mit mehreren Essays und zahlreichen nacherzählten Sagen, Legenden
sowie Geschichten von Alexander A. Gronau, mit einer zweiseitigen Bildtafel,
184 Seiten; 22,95 Eur.

Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt
und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.


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