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Ein Auszug aus dem umfangreichen
Sagen- und Geschichtenzyklus des Sachbuches:
Deren einzige Hoffnung bestand darin, daß er rechtzeitig vor dem drohenden Tod des Neugeborenen zu ihnen zurückkäme. Die Pein, daß dies zarte Leben - so schmerzvoll von seiner erschöpft im Bett niederliegenden Mutter geborenen - wieder aus ihrer Mitte fortgerissen würde, machte alle im Raum stumm und beinahe bewegungslos. Doch er trat mit einem Ausdruck in die Tür, die alle erstaunte ohne es benennen zu können. Er taufte mit behenden Handgriffen das Neugeborene mit dem Wasser des Brunnens der Weißen Göttin, und was niemand für möglich hielt geschah: das Kind wurde augenblicklich gestärkt und gesundete. Der Bauer und seine Familie, der er alles Huldvolle erregt erzählte, nahmen das fremde Kind bei sich auf. Damit war das Glück, das in sein Haus kam, vollkommen. Weder Krankheit noch Not suchten seine Frau, seine Kinder und ihn je heim.
Nach der ihnen auferlegten Pflicht standen die dürftig gekleideten Menschen des Dorfes in der kaum beheizten Kirche. Ihre abgemagerten Gesichter waren nach dem erhöhten Altar ausgerichtet, auf dem sich der Pfarrer im reich verzierten Gewand mit dem Rücken zu ihnen befand und in einer unverständigen Sprache predigte, die nach den harschen Worten des tonsurtragenden Mannes die Sprache des Einzigen Gottes war, die sie nicht begreifen konnten, da sie sich nach seiner Anschauung, die er ihnen oft entgegenbrüllte, als halbe Heidenkinder dessen Liebe noch zu verdienen hätten, was für sie ein weiter, beschwerlicher Weg sei. Wehmütig waren während jeder Predigt die frierenden Blicke, denn schweigend war die Erinnerung an lieblichen Zeiten in ihnen lebendig, als die Huldvoll Weiße Göttin unter ihnen weilte, zu deren licht-tiefen Reich viele Tore führen; das ihren eigenen Wohnstätten am nähersten liegende war der zum Teich versumpfende Oberdorlasee. Macher ihrer Vorfahren soll ihn als Gerufener der Huldr beschritten haben. Alle, da sie fröstelnd in der Kirche dem Ende der Predigt aus den fremdartig sie umklingenden Worten harrten, wußten den Grund ihres Dorfes seit menschengedenken bewohnt. Frieden hatte unter den Geschlechtern unter ihnen einst bestanden, die Felder waren von der Göttin stets fruchtbar gehalten worden, keiner hungerte, und keiner war der Leibeigene eines Feudalherren gewesen. So lauteten die Sagen, die sie untereinander insgeheim in feuriger Sehnsucht weitergaben. Ihr Atem wallte durch die Kälte der Kirche sichtbar, während sie ihre wahren Gedanken zwischen den klerikalen Mauern unentwegt unsichtbar halten mußten. Erst vergangenes Jahr waren die letzten Menschen, die es gewagt hatten an den altüberlieferten Festtagen am Teich der Huldvollen zu beteten und ihre Riten hingebungsvoll vollzogen, ergriffen und nach dem Willen des Papstes aus dem fernen Rom zum Tode verurteilt worden. Jeder im Dorf hatte unter den öffentlich Hingerichteten und kurzerhand in einer Massengrube Verschütteten Angehörige zu betrauern, denen sie keine Blumen zum Trost ihrer im gewaltsamen Tod entsetzten Seelen hatten darreichen dürfen. Es war ihnen auf das eindringlichste wehmutsvoll bewußt, daß sie sich inmitten dieser Kirche auf dem vereinnahmten Platz des vor mehreren Menschenleben niedergebrannten Tempels ihrer geliebten Göttin Huldr höchstselbst befanden. Es schmerzte ohne Linderung; doch manch einer nutze diesen Umstand, um heimlich während der unverständlichen Litaneien des Pfarrers zur Huldvollen Göttin, die viele die Liebe Frau nannten, Bitten und Gebete in die kalte Luft zu hauchen; so leise, daß sie kaum Laut gaben, kaum verräterisch die Lippen bewegten. So auch an diesem Sonntag, dem letzten vor Beginn der Rauhnächte, die seit altersher ihrer Göttin zugehörig waren. Unter dem von steinernen Säulen gestützten Dach bemerkte der Pfarrer auch dieses Mal all die Gebete an die verbotene Weiße Göttin nicht. Denn er verblieb die gesamte Predigt über unverrückt mit dem Rücken zu denen, die er verachtete und die er zugleich für seinen Herren zu erretten trachtete, indem er in ihnen den Heiden abtöten wollte ohne den Menschen zu morden. Wie geräuschlos atmend standen sie hinter ihm in den Holzreihen, erstarrt vor Furcht. Was er nicht erfassen konnte, waren all die in den Menschen lebendig waltenden Erinnerungen an eine freie Zeit, die sie sehnsuchtsvoll bestimmte.
"Die Weiße Göttin Huldr - Mythisches Sachbuch" Sachbuch mit mehreren Essays und zahlreichen nacherzählten Sagen, Legenden sowie Geschichten von Alexander A. Gronau, mit einer zweiseitigen Bildtafel, 184 Seiten; 22,95 Eur. Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten. ___________________________________________________ Zurück zu "Visionäre Literatur" - Alle Bücher von Alexander A. Gronau
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