Alexander A. Gronau

Der Weltenring

oder

Die Suche nach dem grünen Land

 


Erster Auszug aus dem visionär-utopischen Roman: In der Stadt der Elbe (Erstes Kapitel)

Das belebende Rot der Dämmerung war vom Himmel gewichen, es war entschwunden wie von diebischer Hand entwendet. Der in die Nacht eingegangene Horizontenring trennte das Tal nicht mehr vom Firmament, da die gelblichen Fensterlichter einer Stadt aus schwer geschlagenen Steinquadern aus der Perspektive der Vögel mit den Sternenbildern verschwammen. Das Mauerwerk dieser einst aus den umliegenden Felsen errichteten Stadt wurde gleich dem riesenhaften Gestänge, das als kahles Gerüst die Straßen durchlief, in jener Oktobernacht von vereistem Reif überzogen. Bald bedeckte gefrorener Tau es kristallin in der Art eines Fetzen naßkalten Tuchs.

An einer abseitigen Stelle der Altstadt flogen Tauben auf. Sie stoben durch Gassen, die von Laub wild durchtanzt waren. Wie durch unstete Gedanken wurden Böen aufgeworfen. Vertrocknende Blätter des Herbstes mischten sich mit ihren Farben in die schwerfälligen Konturen der Gebäude, daß die Schatten in ihrer Stille in allen Winkeln aufgewühlt erschienen gegen das allenthalben vorhandene Stangengerüst, über dessen genauen Zweck niemand in der Stadt Bescheid wußte; Gerüchte wurden nur selten und aus wenigen Mündern darüber laut, viele Städter hielten es für gewöhnliche, nur außerordentlich groß geratene Strommasten. Die verwehten Blätter maserten altes Kopfsteinpflaster und zeigten an, daß es noch irgendwo in Stadtnähe einen Wald geben mußte. In den Ritzen der Pflaster lagen Zigarettenstummel, und an einer Stelle elektronische Teile, die achtlos in die Straße geworfen worden waren von einer schmächtigen, kindlichen Hand, die sie in einer verzweifelten Wut zerstückelt hatte.

Bis zur Sperrstunde hielt sich in dieser Stadt des Gestänges ein fremder Mann auf, der in den Dreißigern war und über eine ungewöhnlich hellgrüner Iris verfügte; er saß in einem nur dämmrig beleuchteten Lokal nahe der Eingangstür stundenlang im Eck allein an einem kleinen Holztisch. Einen alten, abgewetzten Koffer behielt er beinah ängstlich zwischen den Beinen. Jeden Hereinkommenden musterte er verängstigt, währenddem er verzweifelt über seinen weiteren Fluchtweg nachsann; er war seit Wochen ein Verfolgter. Er trank den gliederdurchwärmenden, heißen Tee vor sich am Tisch leer, danach gedachte er aufzubrechen. Da vernahm er eine sämtliche Geräusche des Lokales schrill durchdringende Stimme. Er brach seine Anstalten ab aufzustehen und spähte, verstohlen lauschend, zu dem dürren Mann mit kantigem Gesicht hinüber, der auffallend einen um mehrere Nummern zu kleinen Hut trug.

Er hörte ihn gedrängt sprechen: “Ich sage dir, ich habe den Ring gesehen! Und es stimmt: Ein rotglühendes Ding aus Metall ist er, tief im Grund der Erde! Mitten in der Neustadt sah ich ihn!” - “Was faselst du da?” entgegnete ein Herr im unauffälligen Anzug, der ihm gegenüber saß, unwillig. Im nächsten Satz klang er bereits unbeteiligt: “Ich gebe auf all diese Gerüchte nichts!” - “Wenn ich es dir doch sage! Ich war letzte Nacht auf dem Weg von hier nach Hause. Da war in der Bruckstraße ein über hundert Meter tiefes und vier Meter breites Loch im aufgerissenen Asphalt. Eine vom Wind umgeworfene Absperrung lag daneben. Ich konnte einen Blick hineinwerfen. Ich weiß noch genau, wie es mir durch den Kopf schoß: Eine riesenhafte, feurige Röhre ist er, der Weltenring und entzieht der Erde all ihre Kraft! Er saugt alle Energie aus ihr, weshalb es bei uns auch so kalt geworden ist, als hätten wir eine neue Eiszeit. Es erfaßte mich ein grauenhaftes Zittern bei seinem Anblick.” - “Sicherlich warst du genauso betrunken wie jetzt und hattest nichts als heftige Halluzinationen. Das Ganze wird nur ein übergroßes Rohr der Kanalisation gewesen sein, du Narr!” Zur Unterstreichung seiner Worte machte der eigenschaftlose Herr eine wegwerfende Handbewegung.

"Nein, nein, ich war so nüchtern wie ich jetzt vor dir sitze! Ich bin nicht betrunken, heute nicht und gestern war ich es schon gar nicht. Und ich sage dir, für ein Abwasserrohr war es viel zu gigantisch. Ich sah ja in dem breiten Loch nur einen kleinen Ausschnitt vom Ring. Und der glühte blendend, auf eine sonderbar intensive Art . Ich aber merke schon, daß du zu den Ahnungslosen zählst, die sich noch nie Gedanken über dieses riesenhafte Gestell gemacht haben, das diese Stadt seit einigen Jahren durchzieht. Ich sage dir, es überwacht alle Gedanken der Menschen!” Die Stimme des Mannes mit dem zu kleinen Hut zitterte vor Erregung.

"Solcherlei Gedanken brauche ich mir auch nicht zu machen! Jeder der das tut, scheint mir so verrückt zu sein wie du! Wenn es so viele unsichtbare Augen in der Stadt gäbe, wie du sie überall vermutest, wärst du schon lange mit deinem Pfandflaschensammeln aufgeflogen. Schließlich weißt du zu gut, daß du jeden eingelösten Cent als Einkommen angeben müßtest. Darauf steht die Streichung aller sozialer Geldmittel. Du betrügst also den Staat monatlich erfolgreich um einen zweistelligen Betrag. So weit kann es mit der Überwachung gar nicht her sein. Und der Weltenring ist eine Ausgeburt, ich weiß nicht von welchem billigen Schnaps, der euch Penner sehend macht. Und jetzt lasse mich mit deinem Zeug zufrieden!” Der Mann im unauffälligem Anzug setzte betont gelangweilt sein Bierglas an die Lippen; der Schaum, der sich auf sie legte, gab ihm einen zu harmlosen Ausdruck.

Dann fügte er seinen Worten leicht gedrängt hinzu: “Am Ende glaubst du noch das versponnene Gerücht, das dein nie nüchterner Freund - ich weiß nicht wie er heißt, der ebenso wie du unentwegt gesammelte Pfandflaschen in Tüten mit sich herumträgt - hier gern herumerzählt, jedenfalls allen, die es nicht hören wollen. Er behauptet, daß in allen Weltländern, so merkwürdig drückt er sich aus, die Andersdenkenden - natürlich nur diejenigen, die wirklich was im Kopfe hätten, das setzt er immer einschränkend hinzu - an den Hegemon als Zwangsarbeiter für den Weltenring verkauft würden. Den Rest ihres kärglichen Lebens müßten sie in einem der unterirdischen Tunnel des Weltenringes bei denkbar schlechtesten Bedingungen darben und würden nie mehr das Licht der Sonne erblicken. Ich meine, auf solche Vorstellungen muß man ersteinmal kommen. Vielleicht sind sie ja irgendwie in dem billigen Fusel enthalten, den ihr unentwegt zu euch nehmt und der euch wohl schon ganz ausfüllt.”

"Vielleicht ist dann in diesem Fusel auch enthalten, daß alles lebendig Grüne allmählich vom Erdboden verschwindet?!” warf der kleine Mann mit seiner fistelnden Stimme streng ein. “Aber dafür bist du zu jung! Du hast keine Erinnerung dafür, daß es früher mehr Grün in der Welt gab! Alles hat vor Jahrzehnten damit begonnen, daß, als es aufgrund der Industriegase immer wärmer wurde, die Prozessionsspinnerraube die Eichen maßenhaft befiel und ihre die Lungen giftig befallenden Härchen jedes Jahr etliche Menschen dahinraffte und man europaweit daranging alle Eichen zu fällen. Dann kam dieser Temperatursturz; aber ich sage dir, er hat damit zu schaffen, daß der Weltenring über das Gestänge, welches überall ist, der Erde alle Energie absaugt. Manches Mal ist mir auch, ein schwaches Zittern wie von einem geringen Erdbeben in meinen Beinen zu spüren, wenn ich über den Asphalt der Straßen gehe.” Er raunte es ergriffen. Sein Gegenüber im unauffälligen Anzug aber lachte lauthals: „Diesen Zustand nennt man Betrunkensein!“

Der schmächtige Kerl stand mit verächtlichem Blick und wütende Schimpfworte murmelnd vom Tisch auf. Mit der einen Hand hielt er eine Plastiktüte voller gläserner Pfandflaschen fest, die klirrend aneinanderstießen, mit der anderen griff er nach dem kleinen Hut, um ihn auf seinem ebenso kantig geformten Kopf zurechtzurücken. Er warf dem verschlossen ihm Nachschauenden noch erbost hin: „Und der Untergang der Insel Japan durch die Kernschmelzen mehrerer Reaktoren ist wohl auch nur eine Fabel, was? Für eine Million Jahre wird sie nicht mehr bewohnbar sein. Dort hat die Menschheit schon im Kleinen die Erde gemordet!“

Er hinterließ mehrere geleerte Weingläser als er sich zum Gehen wendete. Dabei fiel sein Blick erstmals auf den Fremden in der Ecke neben der Eingangstür des Lokals. Die Pupillen des schmächtigen Mannes mit den leicht eingefallenen Wangen weiteten sich, und er stieß seine Sätze beinah wie einen Schrei aus: ”Behüten Sie Ihre grünen Augen, mein Herr! In dieser Zeit ist alles lebendig Grüne unweigerlich vom Verschwinden bedroht! Haben Sie das schon bemerkt!?” Dann schritt er leicht schwankend durch die Tür ohne daß es ersichtlich gewesen wäre, ob seine wie Stelzen krankhaft dürren Beine wegen ermangelnder körperlicher Stärke oder aufgrund von zu viel Alkohol im Blut derart unsicher gingen. Kaum daß ihm nach dem Öffnen der Tür die frische Luft der Nacht entgegenschlug, hustete er heftig, als habe er ein zu großes Stück Dunkelheit verschluckt. Sogar dabei klang seine Stimme fistelnd.

Der Fremde war ob der Worte des schmächtigen Mannes erschrocken und spürte es als Steifheit in den Muskeln seines ganzen Körpers. Er war sich dennoch unschlüßig, was er vom soeben Mitgehörten halten sollte. Aber die Existenz des monströsen Gestänges, das während seiner Flucht durch alle möglichen Regionen des Landes gegen-wärtig gewesen war - allenthalben durchzog es Felder, Wälder und Städte, führte über Straßen, Flüße und Brücken hinweg - , und das er rückblickend als seinen einzigen, ungebetenen Begleiter hätte bezeichnen können, berührte ihn nun unangenehm. Es war so selbstverständlich an allen Orten zugegen, daß er es in den letzten Jahren tatsächlich kaum mehr wahrgenommen hatte.

berallhin wirft es seine Schatten!” vernahm er die gedrängte Stimme des seltsam anmutenden Kerls schrill in seinen Gedankengängen. Um die Kneipe nun endlich zu verlassen, erhob sich der in dieser Stadt Fremde mühsam. Wohin er gehen wollte, wußte er nicht. Es galt irgendwo einen sicheren Unterschlupf ausfindig zu machen.

Späterhin war der grünäugige Mann auf den Gassen als eine Gestalt im Mantel unter auffliegenden Vögeln inmitten umherwirbelnden Laubes sichtbar. Den abgewetzten Lederkoffer in den steif klammernden Fingern, wankte er gehetzt durch Böen und menschenleere Straßen. Er glaubte sich mit einem Mal von überallher beobachtet, was seinen Schritt unsicher machte. Er stolperte mehrmals und schien immer wieder sehr besorgt um den Inhalt seines Koffers zu sein, indem er ihn behutsam schüttelte und dabei ein Ohr lauschend dagegenhielt; ihn zu öffnen schien er aus einem ungewissen Grund zu fürchten; er richtete sich stets gehetzt wieder auf und schaute sich mit unstetem Blick wie ein Gejagter um.



Die Karte zeigt den Verlauf des unterirdischen "Weltenringes", dessen Existenz im Roman
von einer korrupten Weltregierung offiziell geheimgehalten wird. -In der Realität gibt es einen solchen "Ring" in der Schweiz. Dieser erzeugt weit mehr Hitze als ein Kernkraftwerk und im Falle eines Defektes seiner Kühlung wird er so zügellos und verheerend durchbrennen, wie all die Kernkraft-Werke in Japan bei der größten atomaren Katastrophe der Menschheitsgeschichte.
Auf der Suche nach der letzten Grünen Aue kommt die Hauptfigur immer wieder in seine bedrohliche Nähe. -Nicht nur anhand dieses Motivs faßt der Roman unsere Zeit in einen modernen Mythos.
























Zweiter Auszug als Hörprobe: Flucht durch die erkaltete Stadt (Viertes Kapitel)

Zum freien Herunterladen: Inszenierte Livelesung von Alexander A. Gronau (14:38 / 2,5 MB, Mp3)
Durch den Reif der Straßen * Bewußtseinsfänger * Fluchtpunkt * Die reichgelockte Frau in der
unterirdischen Grotte der erkalteten Stadt * Der grüne Weg



Dritter Auszug: Das grüne Land der sieben Quellen Alesias (Siebtes Kapitel)

Dieses Kapitel spielt in der keltischen Vergangenheit Europas, da mein utopische Zukunfts-Roman auch vergangene Zeitalter durchgründet.

Sie verbrachten die Nacht an der Fünften Quelle in andächtiger Stille, versorgten sich gegenseitig ihre Wunden mit blutstillenden und wundschließenden Kräutern. Mancher Fiannakriegerdichter hielt am frischen Grab Zwiesprache mit den Toten, die sie alle um sich her noch anwesend spürten; mancher blickte zur Stärkung seiner Seele in die Augen des weißen Rehs, dessen Unterleib ausheilte, was Hoffnung gab. Sie hatten das grüne Land vor weiterer Bluttat geschirmt, die Menschen der Fünften Quelle waren vor jedwelcher Schändung gefeit.

Unter dicht behangenem Himmel bahrten jene Fianna, die nach schwerem Kampf nicht selbst zu verletzt waren, den wunden Leichnam ihres Bruders auf. Auch fanden sie einen weiteren Freund leblos mit dem Gesicht nach unten im blutbenetzten Gras liegen. Von jener Stätte aus hatten sie einen Falken in den Himmel fliegen sehen. Beide wurden von ihnen weihevoll zur Fünften Quelle des neblig-trüb beschaffenen, mineralienreichen Wassers getragen. Sie sollten dort, mit dem Kopf nach Westen, beigesetzt werden; sie sollten die Quelle vor weiteren Angriffen hüten. Kein Wort fiel während der Beisetzung, die voller ritueller Handlungen und Gesten war. Der Grünäugige wußte in seiner Trauer, daß die Lieder, Gesichter und Geschichten der Erschlagenen in ihnen weiterleben würden.

Im Morgenrot zogen die Fianna, die Kriegerdichter sind, mit schweren, immer wieder aufbrechenden Wunden heim nach der grünen Aue, die in der Mitte des grünen Landes bei der Siebten Quelle entspringt. Der Grünäugige, der um den Hals das splitterhafte, spiegelnde Amulett seines Bruderfreundes trug, gedachte seiner Frau und Fürstin. Nur der Gedanke an die Begegnung mit ihr vermochte sein Leid zu lindern; auch wenn er ihr die Kunde von der Bedrohtheit des grünen Landes, dem dahingemordeten Dorf bei der Ersten Quelle, und vom Tod der beiden Fianna zu berichten hatte. Es war ihnen zwar ein weiteres Mal gelungen, das heilige Land der Sieben Quellen zu schirmen, doch gegen einen Feind, der dieses Land mit all seinen Geistern mißachtete.

Nie hätte er als junger Mann gedacht, daß je eine solch finstere Bedrohung auf sie kommen würde. Alle einheimischen Stämme achteten und ehrten die heilige Bedeutung der grünen Landes für alles Leben. Es war der Schoß der Erdgöttin Alesia. Doch für die Freiheit dieses Lebens würden sie künftig töten müssen; die Feinde mit den Silberhelmen aus dem Süden kannten keinen rituellen Kampf, sie kannten nur die Eroberung und Versklavung alles Freien. Der Grünäugige wandte sich nach dem weißen Reh, das er an seinen Schimmel gebunden führte. Und obwohl durch diese Bewegung ein Schwerthieb an seinem Brustkorb wieder aufbrach, fand er Trost in den nachttiefen Augen dieses heiligen Tieres der Göttin.

Leichter Regen begann auf den Zug der Fianna-Kriegerdichter niederzugehen, der still und schwer im Tritt seiner Rösser unter pudrigen Wolkenhimmel ohne jeden Siegesjubel dahinzog. Mit sich führten sie die Opfergaben der Gemordeten. Sie würden sie späterhin zusammen mit dem Haar der an der Ersten Quelle ermordeten Frauen im tiefen Gewässer versenken. Doch zunächst mußten auch sie Heilung erfahren.

Der Grünäugige schmeckte das getrocknete Blut in seinem Mundwinkel und spürte die geronnenen Blutkrusten auf seiner Haut, als er endlich die Siedlung bei der Grünen Aue ausmachte. Eine leichte Aufheiterung zeigte sich auf den Gesichtern aller Fianna, die in schwere Gedanken um die Bedrohtheit ihres siebenquelligen Landes gesunken waren. Alle ritten sie, in erschöpfter Schwäche auf ihren Rössern, leicht nach vorne übergebeugt, gedrungen. Von den inneren Wunden des Kampfes und all der im niedergebrannten Dorf geschauten Schrecken, könnten sie diesesmal vielleicht nicht einmal ihre Frauen freiküßen; darum bangten sie.

Als die wundstriemigen Fianna die Palisadentore des Dorfes an der grünen Aue passierten, kamen besorgte Frauen auf sie zu. Sie reichten ihnen zur Stärkung mit Honigwasser gefüllte Schalen zu den nicht minder geschundenen Pferden hoch. Nach dem Trunk stiegen sie von den Schimmeln. Kräuterkundige führten die Tiere zu den Ställen. Es herrschte große Betroffenheit vor; noch nie hatten die Menschen des Dorfes die Hüter des siebenquelligen Landes, die Fiannakriegerdichter, derart zerschlagen gesehen. Auch ruhten die Blicke vieler in scheuer Bangigkeit auf dem verletzten, weißen Reh, das der Grünäugige an einem Seil hinter sich herführte, indem er in der Gefolgschaft der Fianna auf das stattlichste Gebäude zuging. Es war erhöht auf Stelzen gebettet, seine offenstehenden Tore waren mit Säulen bestanden, in die kunstvoll Unendlichkeitsgeflechte geschnitzt waren; mal wirkten diese wie der Leib einer nie endenden Lebensschlange, dann wieder wie ewig in sich gewundene Knoten. In der Toröffnung selbst lag ein lebendig wirkender roter Schimmer. Unter dem heiligen Gebäude des Nemetons befand sich der Hort der Siebten Quelle. Sie war von neun Haselnußbüschen umstanden, deren Nüße ins glasklare und doch warme Wasser fielen und in diesem mächtige, belebend wirkende, feuerrote Blasen der Inspiration auslösten, die immerzu an die leicht gekräuselte Oberfläche aufstiegen; dies Gewässer trug in sich den Sonnenfunken, einte das Gegensätzliche auf göttliche Weise. Denn seine Quelle ergoß sich lebenschenkend aus der Unterwelt Annwvyn, sie beherbergte das Feuer im Wasser.

Die neun Kriegerdichter der Fianna schritten anhand von neun Stufen zum Tempel empor, wo neun Priesterinnen ihre Wunden mit dem heiligen Wasser heilend auswaschen würden. Doch ehe sie die Schwelle übertraten, nahm der Grünäugige die Amulette der gefallenen Brüderfreunde ab. Er ließ sie wie funkelnde Sonnensplitter in den Spiegel des Quellgewässers hinab und übergab sie damit dem Schoß der Erdgöttin Alesia. Sie sanken zu den Opfergaben vieler Menschen hinab, gesellten sich zu Fiebeln, Ringen, Speerspitzen, Schwertklingen, Tonfiguren und Triskesamuletten, welche die zeitliche Dreiteilung der einen Welt aufzeigten.

Dem Feind waren all diese Schätze ein Anreiz in das grüne Land mordend einzufallen und die Gold- und Bronzeschätze aus den Quellen der von ihnen als Barbaren verachteten Völker blutig zu rauben; sie lachten, weil sie Gold, Silber und Bronze nur einen göttlich-heiligen Wert beimassen. Viele-Narben wußte, wie sie darüber dachten und daß sie die Stämme an ihren Grenzen durch ihren Handel bereits zu verderben suchten.

Der Grünäugige betrat als Erster die von kunstfertig verzierten Baumsäulen gestützte Halle, darin bei den Sieben Feuerkesseln, - den Sinnbildern der Sieben Quellen - mit Speeren bewehrte, männliche wie weibliche Wächter standen. Alle sahen sie betroffen auf die wunden Fianna. Der Grünäugige aber richtete seinen hellen Blick nach dem am gegenüberliegenden Ende stehenden, zweigeschlechtlichen Thronsitz. Neben seinem so lange Monate leer gebliebenen Platz befand sich seine geliebte Frau und hochstirnige, lilienblaße Fürstin. Aufrecht saß sie mit ihrer hochgewachsenen, schlanken Gestalt in einem fließenden, milchreifweißen Kleid da, in stiller Sehnsucht auf ihn wartend. Ein goldener Torques umspielte mit seinen zwei Rabenköpfen ihren rehhaften Hals; inbrünstig traf sich seine grüne und ihre blumenbetthaft gesprenkelte Iris. Jeder weitere Blick war vertraut. Aus ihren weiblichen Augen sprach eine herzanfaßende Betrübnis. Sie sah ihren Geliebten, all die Fianna und das heilige Tier wund, so fürchterlich wund, daß sie ohne ein erzählendes Wort ahnte, welche Gefahr sie alle für ihr grünes Land der Sieben Quellen Alesias abgewendet hatten, und welche vernichtende Gefahr von seinen Grenzen für sie alle drohte.

Sie, die in Erwartung der ersten Berührung mit ihrem blutwunden Geliebten war, schaute diesem in lilienweißer Zärtlichkeit entgegen. In ihren blumigen Augen sah er eine Liebe, die ihm - bei aller Schwäche und Trauer - so wohlig zufloß. Er schritt mit brennenden Wunden auf sie zu. Vor ihr sackte er aus weichender Anspannung auf die Knie. Unter der Anstrengung des langen Rittes schnaufend, legte er seinen Kopf mit all seiner Schwere in ihren Schoß, den sie streichelte, entlang der Striemen, die unter ihren Berührungen wieder heilen mochten. Dann hob die hochstirnige Fürstin mit dem Bernsteinhaar seinen Kopf sanft an, brachte seinen Oberkörper in eine stolze, gerade Haltung. Dann riß sie seine zerschlissene, grünliche Tunika weiter auf und streichelte über seinen blassen, haarlosen Oberkörper. Sie spürte seinen Atem tiefer und beruhigter durch seine äußerlich blutverkrustete Brust fließen; eine Wunde am Sonnengeflecht des Oberkörpers war tiefer, würde schwer, und nur durch singende Heilkunst zu schließen sein. Doch sie, die über solches Wissen verfügte, wurde darüber nicht gramvoll. Sie beugte sich vor, um den Kriegerdichter der Grünen Aue mit ihren rosenblättergleichen Lippen an jener Wunde zu küssen, sie liebkoste gleichsam ihn wie seine Verletzung. Und ihre reizenden Lippen fingen an zu saugen; saugten immer heftiger und begannen, was der Grünäugige überrascht verspürte und seinen Herzschlag hell beschleunigt machte, all seinen Schmerz aus den zerschlagenen Körper herauszusaugen.



******************************************

"Der Weltenring oder Die Suche nach dem grünen Land"
Utopischer Roman von Alexander A. Gronau, mit einer Bildtafel versehen,

textlich erweiterte 2. Auflage, 230 Seiten; 25,95 Eur.
Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt
und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.

HINTERGRUND-INFOMARTION und LESERSTIMMEN zum BUCH


_________________________________________

Zurück zur ´Visionären Literatur`

Zur Buchbestellung