Bibliothek Nemeton

Autoren-Portrait





 "Die Poesie ist machtvoller als das Feuer.
Sie ist die Gestaltungskraft."




Im Herbst 2003 gründete ich den Autorenverlag Bibliothek Nemeton, um für einen neuen literarischen Ansatz Raum zu schaffen: die Visionäre Literatur. Mir geht es in meinem Schreiben um die poetische Macht des Imaginären; aus ihr entfalte ich meine Geschichten, die eine innere, verborgene Sicht auf die Wirklichkeit aufscheinen lassen wollen. Daraus entfalten meine Romane einen epischen Charakter, was ich in unserer beschleunigten Zeit ohne reflektierendes Innehalten für wichtig halte. Mit Bedacht bewege ich mich mit meinem Verlag abseits des überkommerzialisierten Literaturbetriebs, da mir eine uneingeschränkte künstlerische Selbstbestimmung wichtig ist, um mich gezielt an Leser zu wenden, die - fernab des Mainstreams - nach tiefergehenden Leseerfahrungen suchen.

Geboren wurde ich im mittelalterlichen Nürnberg, eine geschichtsträchtige Stadt, die von einer immerwährenden Gegenwart des Vergangenen geprägt ist. Sie verfügt über eine Stadtmauer, die unmittelbar am Hauptverkehrsring die Altstadt umgibt, wie um diese vor der Moderne zu schützen. Sie weist starke, mächtige Türme auf sowie viele Fachwerkhäuser. Die Burg sitzt auf einem Sandsteinfelsen, der durchzogen ist von unzähligen unterirdischen Gängen; in ihm hat man kürzlich Gegenstände aus der Bronzezeit entdeckt. Die Zeit der Industrialisierung ist allzu präsent. Unübersehbar ist der Schatten der Nazidiktatur, die ebenfalls monströse Bauten bezeugen. Es ist eine Stadt, die viele Geschichten birgt, was auf mich als Schriftsteller einen subtilen Einfluß nahm.





Als Kind wuchs ich im Stadtteil Langwasser auf, an den damals ein sich selbst überlassener Mischwald grenzte, durch den ich oft mit Freunden streifte, und in den es mich immer wieder hineinzog. Er hatte unterschiedlich lichte und verbergend dunkle Gesichter. Man traf auf Rehe, unzählige Bachläufe durchzogen ihn. In seinem Grün erfanden wir Geschichten, spielten unsere Abenteuer, fanden uns manchmal unbewußt in die Umgebung des Waldes ein. Das Geschichtenerfinden faszinierte mich. Mit zwölf begann ich zu schreiben. Es wurde mir zum Erlebnis Geschichten aus mir selbst heraus erwachsen zu lassen und inneren Verzweigungen zu folgen.


Meine liebste Dreihändigkeit:

Als Schlagzeuger suche ich den mir eigenen Rhythmus zu erfassen und mich in ihm zu erspüren.

Als Bogenschütze möchte ich das wesentliche Ziel ausmachen und in aufrechter Haltung anvisieren.

Als Schriftsteller ist es mein Ziel die inneren Schichten mir als Geschichten freizulegen.



Als Jugendlicher hörte ich bei einer Familienfeier Verwandte über ein verarmtes Rittergeschlecht in unserem Familienstammbaum erzählen, was meine Phantasie stark beschäftigte und mir früh vergegenwärtigte, wie eng die Vergangenheit mit uns verwoben ist; es läßt mich heute danach fragen, woher wir kommen und was uns zu dem macht, der wir sind. Hier interessieren mich als ein Schriftsteller moderner visionärer Literatur besonders die archaischen Ursprünge des Menschen. Ohne die zu kennen, kann sich der Mensch nicht nachhaltig mit sich selbst befreunden.

Früh beschäftigte ich mich mit alteuropäischen Kulturen und ihren mythologischen Vorstellungen sowie mit der indianischen, ebenso naturreligiösen Kultur. Nicht minder wichtig sind für mich die Metaphysik, die deutsche Romantik, durch die ich mich als Heranwachsender las, der Surrealismus und Symbolismus und allgemein das Visionäre in der Kunst. Die Möglichkeit zu visionären, imaginären Vorstellungen ist das, was uns als Menschen mit am stärksten ausmacht.

Daß mein Nachname, der auf einen Fluß in Norddeutschland zurückgeht, Grüne Aue bedeutet und er als vorkeltisch angenommen wird, erfuhr ich vor einigen Jahren. Die Grüne Aue wurde in meinem utopischen Roman Der Weltenring oder Die Suche nach dem grünen Land“ zum wichtigen Motiv einer seelischen Landschaft, in der selbst für den zukünftigen Menschen, der seine innere Natur noch weniger verstehen dürfte als der gegenwärtige, ein Ankommen bei sich und der Welt einst möglich wird.


Einfluß auf die Art meines Schreibens hat sicherlich, daß ich Schlagzeuger bin und mir daher der Rhythmus und der Klang von Sprache wichtig ist. Als Bogenschütze erlerne ich zudem eine aufrechte Haltung, dabei Spannung zu erzeugen sowie ein schärferes Auge und die Intuition für die eigentlichen Ziele im Leben zu entwickeln. Eine innere Haltung, Spannung und Intuition, diese drei Elemente sind mir nicht zuletzt beim Schreiben wichtig.

Mit meinem Geschichten möchte ich die Räume des Wachens und des Träumens erkunden; unter Traum verstehe ich den inneren Raum der Dinge, den ich schreibend ausloten will. In meinen Büchern läßt sich meist beides nicht voneinander trennen; ebensowenig wie die Dämmerung ausschließlich dem Tag oder der Nacht zugehörig ist. Die Geschichten sind Reisen in die Seelenräume meiner Figuren, in die unserer Gegenwart, Zukunft wie Vergangenheit. Und in die inneren Räume der Welt, die vor uns war und nach uns sein wird, die wir nicht besitzen sondern erfahren sollen, wie es im Schamanismus seit altersher gelebt wird.

Die Poesie ist machtvoller als Feuer, denn sie ist die Gestaltungskraft. Die Poesie ist aber auch wie das eigene, innere Feuer, das man in sich erfühlen und ertasten muß, um ihm Form in der Sprache zu geben. Gespeist wird es aus dem, was in unserer Kultur das Unbewußte genannt wird; unbewußt muß es einem aber nicht bleiben, wenn man der eigenen Bilderwelt nachgeht. Durch das Schreiben von Geschichten möchte ich mich den inwendigen Schichten von Wirklichkeit nähern.



1993 reiste ich erstmals nach Nordamerika um Indianerreservationen zu durchwandern und wurde inzwischen von einer Familie der Sisseton-Wahpeton Dakota im Lake Traverse Reservation adoptiert. Ich erhielt von einem Stammesältesten, der ein Hüter der Heiligen Pfeife ist, vier geweihte Adlerfedern für mein schriftstellerisches Wirken. Mein Künstlername Ahblezah geht darauf zurück; er drückt meine Verbundenheit mit diesen wunderbaren Menschen aus. Die Erfahrung bei den Dakota immer wieder aus unserer Zivilisation mit ihren kulturellen Prägungen vollständig herauszutreten und dort eine animistische Weltsicht zu erleben - wie sie ebenso im vorchristlichen Europa gegenwärtig war - hat mich sicherlich sehr geprägt.

Nach meiner Überzeugung ist es eine unbewußte gesellschaftliche Entscheidung nur an das Materielle und an keinen Sinn in den Dingen zu glauben. Ich verknüpfe in manchen meiner utopischen Bücher mythische Vorstellungen mit neuesten kosmologischen Weltbildern. Das Visionäre, Geistbezogene geht in meinen Geschichten stets aus der Wirklichkeit hervor. Das Mythische ist nicht nur in der inneren Bilderwelt des Menschen zu finden, sondern ist innerster Teil der Welt selbst; auch wenn der moderne Mensch davon immer weniger wahrnimmt, da ihm die eigene Seele und die der Welt fremd und unbewußt geworden ist. Ich möchte in meinen Geschichten auch die Ahnung aufscheinen lassen, welch sinnhaftes Menschsein möglich wäre. Wir entscheiden uns selbst für eine bestimmte Realität. Denn Realität ist nichts Festgefügtes. Wahrnehmung ist ein kreativer Akt. Hieran knüpft meine Visionäre Literatur an.



So breche ich mit jeder Geschichte zu einer neuen Reise auf, um innere Schichten von Mensch und Welt freizulegen, Sinnhaftes zu ergründen und näher beim Anderen - ob Fels, Mensch oder Landschaft - anzukommen. Das Leben ist für mich nichts anderes: Eine Wanderung ob der Begegnung mit sich selbst und dem Anderen. Im Entdecken des Gegenübers und der Naturerscheinungen erfahren wir unsere Verwandtschaft, die wir mit den Dingen haben und werden zugleich freier. Es bewirkt ein inneres Wachsen.


Ich erstelle als Schriftsteller kein reines Abbild des Sichtbaren. Schreiben bedeutet für mich Unsichtbares sichtbar machen, eine innere Vision der Wirklichkeit entdecken, zu deren Torhüter ich als Autor meinem Verständnis nach werde. So kann der Leser in jedem meiner Bücher eine andere, zur Geschichte verdichtete Vision beschreiten, diese erkunden und in ihr eigenes ergründen, in der Tiefe und in der Weite; denn Poetik vermag zu entgrenzen. Dabei wünsche ich dem Leser viel Neugierde! -Alexander A. Gronau





_____________________


_______________________________________


Foto 1 von Lilia Alva, Foto 4, 5, 6 von Eberhard Gronau

Fotos 2 u. 3 von A. Gronau, Foto 7 von Lilia Alva

Das fünfte Foto zeigt einen Visionssucheplatz der Dakota-Indianer auf dem heiligen Bear Butte in Süd-Dakota.

Das sechste Foto zeigt mich (undeutlich) bei einem Ausritt mit einer befreundeten Familie der Wahpeton-Dakota in der Lake Traverse Reservation.

Das nebenstehende Foto (von Gertrud Furgol) zeigt die Darstellung eines Grünen Mannes an einem Brunnen in Nürnberg.



ZURÜCK ZUR EMPFANGSSEITE

Zur Visionären Literatur