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Alexander A. Gronau Die Nehalennia Legende Ein Auszug aus dem Kapitel "Die Schimmelreiter": Der Morgen ist in der Art der letzten Dämmerungen ein Widerstreit zwischen dem zurückgekehrten Licht im Horizont und Dunkelheit. Die sechs Ausgeschickten erheben die Mäntel vom Erdboden und besteigen ihre Schimmel, das Glühen des Horizontenrings ist in ihren hoffenden Angesichtern. Sie spüren dennoch die beklemmendmachende Kälte, die in die Welt gekommen ist, in sich, in ihrem Fleisch. Der Trab führt sie aus den Auen über dürre Steppe auf felsigwerdenden Grund; er folgt einem schmalen, wiederkehrend ihren Durst lindernden Bachlauf, dessen Klarheit im wachen Blick der Ausgeschickten gegenwärtig ist. Die Augen der sechs Schimmelreiter sind Lichtfänger. Gegen abend erreichen sie die ersten Ausläufer des Erzgebirges auf ihrem Weg nach Alpan, dem Rückgrat der bekannten Welt, die umsäumt ist vom Urmeer Nehalennias, der Wogendflut, wohinter der Horizontenring gestalterzeugend kreist mit seinem Glühen, auf welches Fijanaris, die Silberumsponnene, hindeutet bei einer kurzen Rast: „Dort, aus dem lebendigen Rot kommen die Geschöpfe jedes Frühjahr in die Welt, nur bisher noch nicht! Die Vereinigung geschieht im Horizont, dort wo Nehalennias Reich den Lichtgott berührt. Darin mag etwas Drittes eingedrungen sein.“ Anandjs, der Erwachte Geweihte, legt seinen betrachtenden Blick in den Horizontenkreis, ohne andere Ursache scheut sein Schimmel. Die vier Beschützer lesen es in seinem Angesicht, ehe sie das Geahnte in Anandjs bekümmerter Stimme ausgesprochen vernehmen: „Dieser Gedanke beschlich mich letzte Nacht. Jetzt höre ich ihn aus deinem Munde. In allen Fasern meines Körpers fürchte ich darum!“ Und er erinnert, wie ihm beim Aufsitzen auf den Schimmel einen Herzschlag lang lebhaft vor Augen stand, ein dunkles Glühen befalle feindlich und kühl den Horizontenring. In die Stille unter den Ausgeschickten bricht der geschickte Jäger Ehlor, da er schwere, zügige Bewegungen in den Wolkenkörpern ausmacht: „Es kommt ein Sturm. Laßt uns unter aufragendem Fels das Nachtlager errichten. Er ist gewiß die Wohnstatt eines alten Wesens.“ Sie sind einmündig darüber. "Es ist, als wäre jener Sturm gegen uns ausgeschickt! Denn seht: eine schmale Strecke, die zu uns führt, ist sturmbewegt, doch ist sie ausreichend breit, um zu verhindern, daß wir dem Toben zur Seite hin ausweichen könnten!“ fügt Ehlor seinen Worten hinzu. Und auch er glaubt einen Lidschlag lang ein dunkles Glühen im Gesichtskreis zu gewahren. Doch er schweigt darüber. Sie beginnen eine gegerbte Bärenhaut hinter der Felsensäule aufzuspannen an mitgeführten, stützenden Stöcken, darunter breiten sie ihre Mäntel weit. Nur Fijanaris, die Silberumsponnene, bleibt zurück; sie sitzt auf ihrem Schimmel, starr am Sturmgewölk vorbei geht ihr Blick, in das wiedererschienene, wenn auch blasse Glühen im Horizontenring. Sie atmet den Anblick des lebenerzeugenden Rots in ihr Wesen, um sich zu stärken gegen den Sturm. Bald darauf führt Fijanaris die Schimmel unter den Felsenstein, der links vom Lager weit aufgerichtet steht. Sie beruhigt die Tiere mit geraunten Worten. Sie werden nicht scheuen. Ishild, die Hauptumkränzte, geht indes mit einem Gefäß zum Bachlauf, in dessen gekräuseltem Fließen der erste Hauch des herannahenden Sturmes liegt. Sie setzt ihre Füße bedächtig über Stein, und beugt sich zum Gewässer, dem sie ein sachtes Lied aus ihrer Kehle schenkt. Es gilt auch Nehalennia, von der alle Wasser ausgehen. Sie spricht den Dingen des Landes Mut zu gegen den Sturm, der einen bösen Urgrund hat. Dann schöpft sie das Gefäß voll Wasser, worauf sie sich zum Gehen wendet. Nach den ersten Schritten sieht sie eine leichtgeöffnete Blumenknospe zwischen Steinen bläßlich schimmern. Bei der ersten heftigen Sturmböhe tritt sie mit eben dieser Knospe gebeugt unter das winderfaßte Bärenfell, worunter ihre Gefährten eng beisammensitzen; sie haben ihr eine schmale Stelle freigehalten. Sie strecken die Hände nach der ihnen gezeigten Knospe aus, daß jene in die gemeinsame Schale all ihrer Handflächen fällt. Zusammen harren sie dem Sturm, erst schweigend. Dann entsteigt dem Sinn des dreifarbenen Kriegerdichters Axandon ein Lied von Stärke. Er singt es, zunächst allein, doch bald gesellen sich die Stimmen der Anderen beschwörend hinzu: „Hart im Wind stehen wir, hart im Wind trotzen wir dem Sturm, der ausgesandt ward von einer ungekannten Macht. Wir trotzen ihr aus unserer Liebe zur Welt und zu all ihrem Leben, das sie trägt. Wir trotzen ihr und werden das Gesicht des Übels erkenntlich machen, was die Erde freisetzt von allem Unbill.“ Sie wissen einträchtig : die Kraft der Dichtkunst ist machtvoller als der Sturm, das Feuer und das Böse, denn es ist die Gestaltungskraft, die der Welt innewohnt! Sie wärmen sich einander am gemeinsamen Atem, daß sie spät in der Nacht noch Schlaf finden. Die Böen schwinden in ihrer Ungestümheit. Im Schlaf sind die Feuer ihrer Seelen Träume; durch diese sehen sie glühendes Licht in Nehalennias erblühtem Land. Es bestärkt sie darin, die Hüter dieser Welt zu sein, wie es ihr Selbstverständnis seit altersher ist.
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